Ein ganz besonderer Abend steht bevor: Am 22. Oktober 2026 wird Vincent Rudolf, Kustos am Lindenau-Museum Altenburg, einen spannenden Vortrag über die beeindruckenden Porträts des Altenburger Kunstmalers Ernst Müller-Gräfe halten. Bei der Geschichts- und Altertumsforschenden Gesellschaft des Osterlandes wird er nicht nur über die Kunstwerke selbst sprechen, sondern auch über die Lebensschicksale der Menschen, die in diesen Bildern festgehalten wurden. Müller-Gräfe, geboren 1879 in eine alteingesessene Bauernfamilie, hinterließ ein eindrucksvolles Erbe, das bis heute in Altenburg und darüber hinaus nachhallt.

Der Vortrag wird sich mit Müller-Gräfes Schaffen zwischen 1920 und 1950 befassen. Seine Porträts dokumentieren nicht nur das Erscheinungsbild einer Epoche, sondern reflektieren auch die Persönlichkeiten aus Gesellschaft, Kultur und Industrie, die er in seiner Heimatstadt Altenburg porträtierte. Viele dieser Werke, die in ganz Deutschland entstanden, zeigen seine präzisen Charakterstudien und zeugen von einem weitreichenden Netzwerk, das er sich über die Jahre aufgebaut hat.

Ein Leben der Kunst

Ernst Müller-Gräfe besuchte die Lindenau-Zeichenschule, bevor er 1897 an die Dresdner Kunstakademie wechselte, wo er bei den Größen Gotthardt Kuehl und Oskar Zwintscher studierte. Ab 1898 war er Meisterschüler und begann, als freischaffender Künstler in Dresden zu arbeiten, wo er auch eine private Malschule betrieb. Zu seinen Schülern zählte unter anderem Walter Jacob, der später als expressionistischer Maler berühmt wurde. Auf seinen Reisen durch Deutschland, auch während des Ersten Weltkriegs, hielt er die Erlebnisse in Zeichnungen fest, darunter die eindrucksvolle „Vor Verdun. Gefangener Tunesier“ von 1916.

Müller-Gräfe war nicht nur Maler, sondern auch ein vielseitiger Künstler, der Plakatentwürfe, Buchillustrationen und Wappen anfertigte. Wusstet ihr, dass das Landeswappen Thüringens und zahlreiche Gemeindesiegel auf seine Entwürfe zurückgehen? Seine künstlerische Gestaltungskraft war auch in der Innenraumgestaltung gefragt. So erhielt er 1911 den Auftrag für das Treppenhaus im Lindenau-Museum, dessen Entwürfe als moderne Dekorationskunst gefeiert wurden. Ironischerweise wurden viele seiner Werke, die er in den 1920er und 1930er Jahren schuf, später als „entartet“ eingestuft und zum Teil zerstört.

Ein Schatten der Vergangenheit

Die Zeit des Nationalsozialismus hinterließ tiefe Spuren in Müller-Gräfes Leben. Seine expressiven Arbeiten wurden als Bedrohung angesehen, und viele seiner Werke wurden beschlagnahmt. Das Lindenau-Museum erlebte eine schmerzhafte Zensur – Wandbilder wurden überklebt und seine Gemälde aus der Sammlung entfernt. Diese Einschnitte führten nicht nur zu einem Verlust für die Kunstszene, sondern auch zu einem kulturellen Verlust für die Region Altenburg.

Trotz all dieser Widrigkeiten schuf Müller-Gräfe nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin bedeutende Wandbilder in Altenburg, etwa im Lehrlingsheim des Altenburger Nähmaschinenwerks und in einem Kinderheim. Er war zeitlebens eng mit der Altenburger Kulturszene verbunden und pflegte Freundschaften mit vielen Künstlern und Literaten. Seine Werke sind heute im Lindenau-Museum sowie im Schloss- und Spielkartenmuseum Altenburg zu bewundern.

Vincent Rudolf, der den Vortrag leitet, ist nicht nur ein Experte für die Sammlungen des Lindenau-Museums, sondern widmet sich auch der Biografie und dem Werk von Ernst Müller-Gräfe. Unter seiner wissenschaftlichen Betreuung entsteht derzeit ein umfangreicher Tagungsband über den Künstler. Es ist also mehr als nur ein Vortrag – es ist eine Einladung, in die tiefen Schichten der Altenburger Geschichte und Kunst einzutauchen.