Im Altenburger Land erwartet die Zuschauer ein ganz besonderes Theaterereignis: Die Uraufführung des dokumentarisch-biografischen Objekttheaters „Gehen – Kommen – Bleiben“ von Josephine Hock und Miku Sophie Kühmel. Das Stück, das sich mit den Lebensgeschichten von Menschen aus Ostthüringen beschäftigt, ist mehr als nur eine Inszenierung – es ist ein tiefgehendes Portrait der Region und ihrer Bewohner. Die beiden talentierten Künstlerinnen, fest verwurzelt in Thüringen, haben sich auf eine intensive Recherche begeben und viele Gespräche mit den Einwohnern geführt, um individuelle Geschichten über die Veränderungen seit dem Ende der DDR zu sammeln. Das Ergebnis? Ein eindrucksvolles Stück, das die Zuschauer auf eine emotionale Reise mitnimmt.

Was uns dabei besonders berührt, ist die Verbindung von persönlichem Erleben und künstlerischer Darstellung. Auf der Bühne finden sich Gegenstände, die eine eigene Geschichte erzählen – von einem Abba-Fan-Beutel über ein Akkordeon bis hin zu einer Schreibmaschine, auf der ein folgenschweres Flugblatt verfasst wurde. Diese Objekte bringen die gesammelten Biografien zum Leben und verwandeln die Bühne in ein lebendiges Archiv der Erinnerungen. Unterstützt wird das Projekt von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, was die Relevanz und den historischen Kontext zusätzlich unterstreicht.

Ein Blick in die Vergangenheit

Der Strukturwandel in Ostdeutschland ist ein zentrales Thema, das auch die Forschungsgruppe „Die lange Geschichte der Wende“ beleuchtet. Diese Gruppe untersucht, wie die Ostdeutschen das Ende der DDR, den Systemwechsel und die 1990er-Jahre erlebt haben. Dabei stehen Alltag und Lebenswelt vor, während und nach 1989 im Fokus. Spannend ist, dass die Friedliche Revolution nicht als „Stunde Null“ gilt – vielmehr wird gezeigt, wie tief verwurzelte Ideen und Mentalitäten auch nach diesem Umbruch fortwirkten. Der Alltag der Menschen, von Konsum über Schule bis hin zu Wohneigentum, hat sich durch die Übernahme westdeutscher Institutionen stark verändert.

Diese Veränderungen waren jedoch nicht nur politischer Natur. Die Erfahrungen der Menschen in der DDR und die Herausforderungen des Wandels prägten ihre Biografien nachhaltig. Wie haben sie den Systemwechsel gestaltet? Welche Unsicherheiten mussten sie bewältigen? Die Antworten auf diese Fragen sind vielschichtig und reichen von Euphorie bis hin zu Ängsten und Erschöpfung. Die Gleichzeitigkeit von politischen und lebensweltlichen Veränderungen führte zu einem spezifischen „Umbruchwissen“, das sich in den Lebensgeschichten der Menschen niederschlägt.

Berufliche Neuanfänge und Herausforderungen

Der 3. Oktober 1990 brachte für viele Ostdeutsche nicht nur politische, sondern auch berufliche Veränderungen. Eine Studie des Forschungsinstituts RF Berlin hat herausgefunden, dass nur 17 Prozent der Beschäftigten in der ehemaligen DDR 1992 noch im selben Beruf wie 1989 arbeiteten. Der Übergang von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft führte zu massiven Umbrüchen, und viele Menschen verloren ihre Arbeitsplätze. Besonders ältere Beschäftigte hatten es schwer. Doch es gab auch Lichtblicke: Einige Menschen konnten aus der Transformation neue Chancen schöpfen und sich in ihren Berufen weiterentwickeln. Mario Köhler aus Oelknitz, zum Beispiel, behielt seinen Job als Berufsschullehrer und erlebte eine bemerkenswerte berufliche Wandlung.

Diese Geschichten sind es, die den Abend im Altenburger Land so besonders machen. Nach der künstlerischen Aufführung haben die Zuschauer die Möglichkeit, an einer gedeckten Tafel mit den Künstlerinnen und anderen Anwesenden ins Gespräch zu kommen. Es ist der perfekte Ort, um eigene Erinnerungen und Eindrücke auszutauschen – ein Dialog über das Stück und die eigenen Lebensgeschichten. Solche Verbindungen sind wertvoll, denn sie helfen, das Geschehene zu verarbeiten und zu verstehen.

In einer Zeit, in der viele von uns sich oft in ihrem eigenen Alltag verlieren, bietet dieses Theaterprojekt eine willkommene Gelegenheit, innezuhalten und über die eigenen Wurzeln und Erfahrungen nachzudenken. Es ist eine Erinnerung daran, dass hinter jeder Biografie, hinter jedem Objekt, eine Geschichte steckt, die es wert ist, erzählt zu werden.